Prioritäten

von Dirk Ryssel

Nach einem Streit mit einem näheren Verwandten stellte ich kürzlich fest, dass ich offenbar so etwas wie eine innere Prioritätenliste habe, die sich sowohl auf die emotionale, die monetäre als auch auf die informelle und letztlich auf die Zeitmanagement-Ebene bezieht. So steht spätestens seit unserer Hochzeit (und auch schon lange davor) meine Frau an erster Stelle der Reihenfolge, nach der Geburt unseres Sohnes ist dieser auf manchen Ebenen vor, auf manchen knapp hinter ihr. Was so viel bedeutet, dass ich ihn nicht unnötig in alle meine Probleme, Sorgen und Geheimnisse involviere, er aber natürlich mindestens ebenso viel Liebe als auch Zeit von mir bekommen soll wie meine Frau. Was wiederum heißt, dass ich für alle Freunde, Verwandten und Bekannten von allem weniger zur Verfügung habe. Ich bin ja nicht Gott, dass ich ein unbegrenztes Reservoir an Liebe und Zeit hätte – der Tag hat nun mal nur 24 Stunden, die Woche nur sieben Tage.

Immer wieder ecke ich damit bei anderen, die meine Situation nicht nachempfinden können oder wollen, an. Sie verstehen meine Kalkulation nicht: Dass alles, was ich für sie abzweige, meiner Familie verloren geht. Dass ich ohnehin nur wenig Zeit und Geld für Familienunternehmungen habe. Und dass ich das, was ich von beidem übrig habe, lieber meiner Frau und meinem Sohn gebe. Dabei wäre gar nichts einzuwenden, wenn sich jene Bedürfnisse kombinieren ließen, aber nein, man hat Exklusivansprüche, weil ein Treffen mit meiner Familie offenbar zu uncool, sprich, zu selbstreflexiv wäre.

Neuerdings treibe ich mit meinem Sohn zwei- bis dreimal die Woche Sport: Wir joggen auf den Treppen, danach machen wir Klimmzüge an der Stange und Beugestütze am Barren. Es gehört zu den wenigen Aktivitäten, die wir noch gemeinsam unternehmen, denn mit 13½ Jahren ist er nur noch schwer für unsere Interessen zu begeistern, und umgekehrt ist die Welt der Tablet-Spiele für mich ein Mysterium, für das ich zu alt bin. Aber es gibt mir ein Gefühl des Erwachsenseins und macht mir Freude, ihn zu trainieren und quälen zu dürfen, wobei sich bereits jetzt nach vier Monaten die Verhältnisse bereits umdrehen, weil ihm die Übungen weniger ausmachen als mir.

Diese Zeit, die mir an anderer Stelle wie z.B. für meine Arbeit fehlt, muss ich natürlich nachholen, weshalb ich oft abends lange arbeite. Wenn man mir deshalb Egoismus vorwerfen will, ist das durchaus legitim: Ja, ich bin egoistisch für meine kleine Familie. Und das auf allen den oben genannten Ebenen. Wenn ich sage, ich habe keine Zeit, dann bedeutet das übersetzt: Ich habe keine Zeit für andere. Wenn ich sage, ich habe kein Geld, bedeutet das: Ich habe außerhalb meines “Circle of Trust” nichts zu verschenken.

Von meinem Vater, einem Programmierer beim einst größten US-amerikanischen Computerhersteller, habe ich ganze tausend Euro geerbt. Weil er eine Sterbeversicherung hatte und mein tüchtiger Bruder seine von ihm anonym gewünschte Beerdigung günstiger hinbekam als gedacht. Vor vielen Jahren erzählte mir mein damals 49-jähriger Chef, er habe alles geregelt, dass seine Familie versorgt sei, wenn er von heute auf morgen tot umfalle (was er dann auch tat.) Das hat mich damals sehr beeindruckt, und seitdem habe ich mir geschworen, dass ich mich trotz meines erbärmlichen Lektorenhonorars ebenfalls darum kümmern möchte, dass mein Sohn im Falle eines Falles zumindest mehr erhält, als ich jemals von meinen Eltern bekommen werde. Dafür warf mir ein enger Verwandter schon vor vielen Jahren vor, ich würde mir nur Dinge kaufen, die potenziell im Wert stiegen. Danke für das Kompliment, das nicht als solches gemeint war. Denn es stimmt: Zu oft habe ich erlebt, wie meine Eltern ihr vieles Geld mit beiden Händen für Sachen aus dem Fenster warfen, die ihnen schon ein paar Jahre später nicht mehr gefielen und bald auf dem noch nicht vorhandenen Recyclinghof, also auf dem Müll, landeten.

Und das nicht nur: Auch auf den anderen Ebenen veräußerten meine Eltern ihre Werte lieber an Externe als an ihre Kinder und Ehepartner: Mein Vater verbrachte in seinen jungen Jahren lieber seine Zeit im Ruderverein oder später lieber mit seinen Kreuzworträtseln als mit seinen Söhnen; meine Mutter investierte in ihre berufliche, politische und kulturelle Selbstverwirklichung. Interne Probleme wurden vor allem mit Außenstehenden, die uns dann mit den Worten “Der kennt unsere gesamte Familienproblematik” vorgestellt wurden, geteilt. Und ihre Liebe galt bei beiden vor allem sich selbst. Oder nicht einmal das.

Weshalb ich wohl unbewusst oder bewusst einen Kreis um uns drei gezogen habe. Wer das nicht nachempfinden oder verstehen kann, sich deshalb zurückgewiesen oder gar verarscht fühlt, weil er findet, dass ich für ihn oder sie zu wenig Zeit, Geld, Empathie oder Liebe habe, hat ein gutes Recht dazu, so zu empfinden, kann mir aber, gelinde gesagt, den Buckel runterrutschen!