Frauen um die 40

von Dirk Ryssel

Die meisten Männer meinen, es sei damit getan, wenn sie ihrer Angebeteten einen prunkvollen Ring schenken, sie als Braut zum Altar führen und sie über die Schwelle hieven. Danach gehen sie davon aus, die nächsten 40 bis 50 Jahre von ihr bekocht zu werden, die Wäsche gewaschen zu bekommen und einen Freifahrtschein für die regelmäßige Begattung erworben zu haben. Aber während sie sich anfangs vielleicht noch Mühe mit dem Vorgeplänkel geben, rutschen sie ein paar Jahre später nur noch beiläufig über ihre Alte. Und das auch nur, wenn nicht gerade WM, EM oder die Champions League die abendliche Dispo bestimmen. Fürs Alltagsgeschäft ist Youporn die einfachere und vor allem ständig verfügbare Alternative: mit stündlich aufgefülltem Frischfleisch statt dem altbewährtem Eintopf, den man seit Jahren vorgesetzt bekommt.

Blumen werden gerade mal zum Geburtstag gekauft, denn der Muttertag ist für die Erzeugerin da und der Valentinstag nur eine kommerzielle Erfindung der Floristen-Lobby. Schließlich war Mann ja schon immer ein Konsumfeind, solange es nicht um die Anschaffung eines neuen TV-Geräts und sämtlicher Sky-Sender geht, und am Weltfrauentag wäre es sexistisch, sein emanzipiertes Weib mit Unkraut zu beglückwünschen. Spätestens wenn die Kinder auf der Welt sind, braucht er  ihr auch nichts mehr zu Weihnachten zu schenken, denn das ist ja das Fest der Kinder; ein Adventskalender für die Werteste findet Mann ohnehin infantil. Weiter lesen

Gesunde Ernährung

von Dirk Ryssel

Am Wochenende kam unsere Nichte uns mit ihrem einjährigen Sohn besuchen. Der Kleine ist wirklich entzückend, lacht viel, lässt sich schnell begeistern und ist voller Tatendrang. Als erstes entdeckte er die Fernbedienung des Radios, die ihn mehr faszinierte als jedes Spielzeug, das wir ihm aus dem Sammelsurium unseres Sohnes anboten.

Dann sollte es Kaffee und Kuchen geben, meine Frau hatte dafür eine Erdbeertorte gebacken – natürlich aus Dinkelmehl und Rohrohrzucker und selbstverständlich alles Bio, denn wir sind ja auch nicht von vorgestern. Aber dann nahm unsere Nichte ihren Kleinen auf den Schoß und packte, nein, nicht ihre Brust, dieses Thema lasse ich heute aus, nein, sie packte eine Tupper-Box auf den Tisch und entnahm dieser eine braune Masse, die mich arg an den Komposthaufen meiner Schwiegereltern erinnerte: Ein unförmiges Gebilde, in dem ich vergammelte Bananenstücke in einem dunklen, feuchten Teig identifizierte. Sofort erinnerte ich mich an ein Video, das mein Freund Chris vor vielen Jahren auf MTV gesehen hatte. Dort briet irgendein selbsternannter Komiker in der Pfanne sein gerade Erbrochenes und aß es anschließend… ein zweites Ma(h)l. Weiter lesen

Hirn auf Lautsprecher

von Dirk Ryssel

Seit einiger Zeit leide ich unter einem schwer zu ertragenden Kommunikationsverhalten meiner Mitmenschen. Oder ist es eine Störung? Ich nenne es: “Das Hirn auf Lautsprecher stellen”. Ähnlich wie jene Taste am Telefon macht man alle Gedanken und Synapsen, die einem durch das zerebrale Organoid schießen, für andere hörbar. Ohne Vorfilter, ohne Bewusstsein, ohne Selektion, wen man was wissen lässt. Wie ein kognitiver Räumungsverkauf: “Alles muss raus!”

Ich habe keine Ahnung, wer sich das von wem abgeguckt hat, ob Kinder von ihren Eltern, ob die digitale Community von der analogen oder umgekehrt. Überall texten und zwitschern Erwachsene und weniger Erwachsene einander mit allerlei belanglosem Zeug zu. Und kommen nicht einmal auf die Idee, den anderen zu fragen, ob es ihn interessiert oder nicht. Weiter lesen

Alte Leute

von Dirk Ryssel

An Heiligabend muss ich vormittags noch einmal zum nahe gelegenen Supermarkt. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass an diesem Tag die Stimmung bei Verkäufern und Kunden entspannter ist als in den Tagen und Wochen zuvor. Eigentlich hat man schon alles erledigt, die Geschenke und den Baum besorgt, die Notversorgung für die Feiertage ist weitestgehend organisiert, sodass man eher des Perfektionsanspruchs als des Versorgungsengpasses wegen unterwegs ist. Tendenziell trifft man deshalb auf Gleichgesinnte anstatt auf Gestresste, und die Verkäufer freuen sich, schon am frühen Nachmittag als kurz vor Mitternacht Feierabend zu haben.

Nicht so in diesem Jahr: Als ich gerade einen Einkaufswagen aus der Caddy-Schlange befreie und vorsichtig zurückrolle, damit ich nicht rechts und links gegen die Metallsäulen bollere, erfasst mich plötzlich ein fürchterlicher Schmerz im Fuß. Mir wird schwarz vor Augen. So muss sich Achill gefühlt haben, als ihm Paris mit einem Pfeil die namensgebende Sehne durchtrennte. Vorsichtig drehe ich mich um, damit ich den Angreifer identifizieren kann, entdecke aber hinter mir nur einen ca. 80-jährigen, störrisch aussehenden Mann mit seinem Einkaufswagen. Er starrt vor sich hin, als ob ich Luft wäre. Für eine Sekunde überlege ich, ob er vielleicht seine Attacke gar nicht bemerkt hat, aber dafür war wohl mein Schmerzensschrei zu laut. Ich starre ihn wütend an. Wenn Blicke tatsächlich töten könnten, wäre er längst atomisiert. Doch mein Möchtegern-Supermann-Röntgenblick führt eher zu autoaggressiven Synapsen in meinem Kopf als zu der erwünschten Einschüchterung meines Gegenübers. “ENTSCHULDIGUNG?!”, brülle ich ihn an, doch er schiebt geradezu stoisch seinen Wagen in die Schlange der Caddys und dreht mir den Rücken zu. Mein fassungsloses Kopfschütteln ignoriert er professionell. Weiter lesen

Kiez

von Dirk Ryssel

Kürzlich fragt mich mein Sohn beim Frühstück, was das Wort “Kiez” bedeutet. Ich bin mit dieser Frage ein bisschen überrumpelt: Natürlich weiß ich, was ein Kiez ist, jeder weiß das in Berlin, aber das ad hoc zu erklären, ist gar nicht so einfach. “Ein Kiez”, stammele ich, “ist das Viertel, in dem man wohnt.” “Also, Pankow?”, hakt er nach. “Nein, viel kleiner! Pankow ist der ganze Bezirk!” “Die Binzstraße?”. “Nein, eine einzige Straße ist als Kiez zu klein.” “Ja, was ist denn nun ein Kiez?”, fragt er ungeduldig. “Das kann man nicht so einfach erklären”, rudere ich herum. “Du weißt aber auch gar nichts!”, blafft er mich an und stampft wütend in sein Zimmer.

Frustriert darüber, meinem Sohn keine befriedigende Antwort gegeben zu haben, googele ich sofort nach, was das Netz dazu sagt und finde eine interessante Erklärung bei Wikipedia: Darin heißt es, dass vor allem in Berlin als Kiez ein überschaubarer “Wohnbereich (…), oft mit weitgehend vom Krieg verschonten Gründerzeit-Gebäuden in ‘inselartiger’ Lage und einem identitätsstiftenden Zugehörigkeitsgefühl in der Bevölkerung” bezeichnet wird. Als Beispiele werden u.a. der Wrangel- und der beliebte Bergmann-Kiez in Kreuzberg genannt. Ob es wohl einen Binz- oder einen Neumann-Kiez gibt? Nun, die Binzstraße besteht zwar tatsächlich aus überwiegend Gründerzeit-Häusern, ist aber eine reine Wohnstraße und als Kiez in der Tat zu klein. Die Neumannstraße teilt sich hingegen in einen Altbau- und einen Neubauteil auf. Vor dem zweiten Weltkrieg standen dort fast ausschließlich Laubengärten. Sie verdient es wohl auch nicht als Kiez aufgewertet zu werden. Weiter lesen

Sommer in der Stadt

von Dirk Ryssel

Ein Freund von mir lebt in einer Kleinstadt in der Nähe von Heidelberg. Ich bin noch nie dort gewesen, aber so, wie er es mir beschreibt, scheint es dort sehr idyllisch zu sein. Er hat ein Haus mit einem Garten, sodass ich es gut nachempfinden kann, dass er ein Sommer-Fan ist, weil er in dieser Saison viel Zeit im Freien verbringt: Auf der Terrasse mit den Großeltern, im Freibad mit den Kindern, im Biergarten mit Freunden. Dieser Sommer war ganz nach seinem Gusto, und wenn es nach ihm ginge, könnte es ewig so weitergehen.

Leider kann ich seine Vorliebe nicht teilen. In Berlin bedeutet Sommer nur eine weitere Herausforderung unserer fünf Sinne: In den Bahnen, Bussen und Straßen wird man mit Menschen zusammengepfercht, deren Körperhygiene eher der Steinzeit als einer Gegenwart entspricht, in der der freie Zugang zu Seife und Dusche eigentlich Realität sein sollte. Mir scheint sogar, dass es neuerdings en vogue ist, nichts gegen seine Körpergerüche zu unternehmen: Das gilt offenbar als etwas “ganz Natürliches”… Weiter lesen

Natürliches

von Dirk Ryssel

Kürzlich saß ich im Urlaub in einem Café in Brixen und wollte mit meiner Gattin meinen nachmittäglichen Espresso genießen, als einen Tisch weiter eine ca. dreißigjährige, gut aussehende Frau mir ihre blanke Brust entgegenreckte. Nein, hier offenbarte sich nicht einer meiner intimen Wunschträume, denn kurz darauf dockte der gierige Saugnapf eines Neugeborenen an die ihm bekannte Öffnung an und genoss sein wohl schmeckendes Vesper. Bislang dachte ich immer, so etwas gäbe es nur in Berlin, aber die Globalisierung vereinheitlicht offenbar auch die Verhaltensgewohnheiten.

Als sich selbige Szene beim 70. Geburtstag meines Schwiegervaters wiederholte und ich meiner Nichte durch eine ungewollt missbilligende Gesichtsmimik zu verstehen gab, dass ich in diesem Kontext nicht wirklich von ihrer öffentlichen Raubtierfütterung begeistert sei, entgegnete sie mir selbstbewusst, dass das doch etwas ganz Natürliches sei. Meinen spontanen Gedanken, dass Wichsen auch etwas ganz Natürliches sei, ich es aber dennoch nicht am Esstisch eines Restaurants praktizierte, habe ich mir angesichts der feierlichen Stimmung verkniffen. Weiter lesen

Quereinsteiger

von Dirk Ryssel

Wenn ich mir etwas von der Politik wünschen könnte, dann wäre es die Einführung eines Elternführerscheins. Für jeden Scheiß braucht man hierzulande eine Berechtigung, ein Zertifikat oder eine offizielle Genehmigung– sei es für den Besitz von Waffen, was natürlich richtig ist, für das Führen eines Kraftfahrzeugs oder eines Motorboots, ja selbst für das Betätigen einer Motorsäge muss man eine Prüfung absolvieren, was für die Extremitäten des Hobbygärtners und  seine zur Hinrichtung verurteilten Gehölze durchaus von Vorteil sein kann. Selbst Kinder müssen in der vierten Klasse eine theoretische und praktische Verkehrsprüfung ablegen, um einen Fahrradführerschein zu erhalten. Aber nach wie vor dürfen sich hemmungslos vermehrende Homo Sapiens aus Unwissenheit, Ignoranz und pädagogischer Überforderung an ihrer Erbfolge vergehen, mit der Folge, dass sich später Armeen von Psychologen, Psychotherapeuten und Psychiatern sowie ungefähr doppelt so vielen Wunderheiler, Gurus und andere Scharlatane an diesen Erziehungsverbrechen abarbeiten müssen.

Da kommt es einem wie ein schlechter Scherz oder blanker Sarkasmus vor, wenn die deutsche Gesellschaft für Erziehungswissenschaft mit “großer Beunruhigung” vor den “unabsehbaren Folgen” des verstärkten Quereinstiegs im Grundschulbereich warnt. Und wer warnt bitteschön vor den seit Jahrtausenden währenden Konsequenzen von unqualifizierten Eltern, die IMMER nur Quereinsteiger in punkto Kindererziehung sind? Der Schaden, den Eltern durch den Missbrauch an ihren Kindern anrichten, und damit meine ich nicht einmal den sexuellen, sondern den viel gängigeren emotionalen oder den Rollenmissbrauch, wirkt sich auf das ganze Leben ihres Nachwuchses aus. Weiter lesen

Regen

von Dirk Ryssel

Dieser Sommer war eine Herausforderung für jeden Sonnen- und Sommerliebhaber. Und er ist es noch, denn die Meteorologen sagen für den September satte Temperaturen und weiterhin heiteres Wetter voraus. Ein herrlicher Altweiber-Sommer, der weniger sexistisch und Neudeutsch auch “Indian Summer” genannt wird. Ich bin wirklich ein Sonnen- und Sommerfan, aber – wie es so schön heißt – was zu viel ist, ist zu viel. Denn gefühlt hat der Sommer dieses Jahr bereits Ende März begonnen und wie oben bemerkt, ist ein Ende noch nicht in Sicht.

Denn wenn man nicht gerade ein Haus am Meer oder an einem See hat, kann ein Dauersommer mit Temperaturen von mehr als dreißig Grad reichlich anstrengend werden. Die Autofahrer fahren aggressiv, weil nicht jede Klimaanlage zu funktionieren scheint, es ist überall staubig, weil die Erde schlichtweg zu trocken ist, und auf dem Balkon kommt man mit dem Gießen nicht hinterher. In Sachsen haben die Kommunen dringend geraten, auf das Bewässern der Privatgärten zu verzichten, solange der Regen ausbleibt, aber für den frisch gebackenen Hausbesitzer ist es nicht gerade erbaulich, wenn er untätig zusehen muss, wie sich seine eigens angelegte Grünanlage unaufhaltbar ins Bräunliche verfärbt. Da bekommt man ja bei jedem Bier ein schlechtes Gewissen. Weiter lesen

Sinnvolle Zeitverschwendung

von Dirk Ryssel

Ein guter Freund von mir verbringt Stunden mit FIFA-Spielen an der Playstation und ist dann hinterher oft so wütend, dass er sich selbst ohrfeigt. Er ist Katholik: Die Selbstgeißlung hat dort Tradition. Ein weiterer Freund zieht sich stundenlang Pornos rein, um anschließend festzustellen, dass die Erinnerung an den letzten Sex mit seiner Frau immer noch die geilste Fantasie beim Wichsen ist. Wieder ein anderer Bekannter hat Monate damit verbracht, um sich eine eigene digitale Filmsammlung zu erstellen, die er zunächst auf DVD, dann auf Blu-ray und schließlich auf eine Festplatte brannte: Es sind ein paar tausend Filme geworden, und selbst er musste zugeben, dass er 200 Jahre alt werden müsse, um sie alle zu sehen.

Ich bin selbst jahrelang auf Floh- und Sammlermärkte innerhalb der gesamten Republik und darüber hinaus gefahren, um mir eine Sammlung alter Filmplakate und Kinoaushangfotos aufzubauen; habe sehr viel Zeit damit verbracht, akribisch ellenlange Suchlisten zu schreiben, Fehlnummern abzuhaken und zu aktualisieren. Und wofür? Inzwischen frage ich mich, was ich mit dem ganzen Zeug eigentlich will? Weiter lesen

Schlechtes Benehmen

von Dirk Ryssel

Manchmal wünschte ich mir, ich wäre Harry Callahan: Das ist jener von Clint Eastwood gespielte Polizist, der mit den Worten “Make my day, punk!” jeden Crétin in die ewigen Jagdgründe ballert.

Es gab eine Zeit, in der wir Teutonen als langweilig galten, weil wir uns strikt an Regeln und Gesetze hielten: Wenn eine Ampel rot war, blieben wir stehen – auch als Fußgänger – und an Geschwindigkeitsbegrenzungen hielt sich zumindest die Mehrheit der Verkehrsteilnehmer. Wir waren zwar nie eine Nation, die für ihre ausgefeilten Manieren bekannt war, aber sein Bier trank man in der Kneipe oder bei sich zu Hause und nicht auf der Straße. Wer mit dem Zug fuhr oder im Wartezimmer saß, unterhielt sich leise, um den anderen nicht zu stören. Und wenn Opa zu seiner Marschmusik wieder zu laut paradierte und deshalb der Nachbar klingelte, entschuldigte er sich, und beiden waren es peinlich, den anderen gestört zu haben.

All diese Verhaltensweisen, die man als gutes Benehmen subsumierte, waren aus der Notwendigkeit entstanden, auf engem Raum mit fremden Menschen zusammenleben zu müssen, ohne sich ständig auf die Nerven zu gehen. Die Freiheit des Einzelnen endete da, wo die Freiheit des anderen begann. Heute geht hingegen der Freiheitsanspruch des Individuums  über sämtliche gesellschaftliche Konventionen und Regeln hinaus. Weiter lesen

Vorletzte Woche bin ich bei ihm gewesen. Es war ein sonniger Frühlingstag, die Sonne schien angenehm warm, die Vögel zwitscherten und so wie vier Wochen zuvor hörte ich das aufgeregte Schreien der Händler vom Wochenmarkt, das nur durch eine vorbeisausende S-Bahn unterbrochen wurde. Aber für einen Platz in der Innenstadt Berlins ist es angenehm ruhig hier.

Jemand hatte Tulpen mitgebracht, gelbe, die in einer Vase neben dem kleinen, frisch eingepflanzten Kiefernbäumchen standen. An der anderen Ecke lag ein Urlaubsfoto, auf dem er in Badehose am Strand posierte. Ich erkannte ihn nicht sofort, weil er einen kleinen Hut trug, aber sein schelmisches Schmunzeln war unverkennbar. Sein Vater hatte Recht: Dies ist ein schöner Friedhof. Ein kleines Idyll am Puls des Lebens. Ich versuchte, ein paar Worte mit ihm zu sprechen, so wie man es in amerikanischen Filmen sieht, doch es gelang mir nicht. Mein Kopf war leer, und ich fand es lächerlich, mit seinem Grab zu reden. Vor allem stellte ich mich vor, wie er darüber lachen würde: “Das ist Kunst!”, hätte er sicher gespottet. Weiter lesen

Freizeitkleidung

von Dirk Ryssel

Kürzlich fuhren wir mit der Straßenbahn in Richtung Naturkundemuseum. Unser Sohn hatte Kinder-Besuch, und das ist immer der erste Wunsch nach der Tobewelt und dem Jump House. An der Station Mauerpark stieg eine Gruppe von ca. 8-10 gut gelaunten Männern kurz vor dem früheren Renteneintrittsalter, also Ende 50, Anfang 60, ein. Ich vermutete einen Betriebsausflug der Alten-Leipziger-Versicherung aus Oberursel. Alle hatten schon den einen oder anderen halben Liter gepichelt, was man nicht nur roch, sondern auch anhand der Lautstärke vermuten konnte, in der sie in ihrem breiten südwest-deutschen Dialekt durch die Tram quakten. Permanent wurde über irgendetwas gewiehert, was in mir immer den Lokalpatriotismus entfacht. Weiter lesen

Emanzipation

von Dirk Ryssel

Kürzlich habe ich einen Film mit Hugh Grant gesehen, in dem er einen ehemals erfolgreichen Drehbuchautor spielte, der aus finanziellen Gründen einen Dozenten-Job in der Provinz annehmen muss. Als er bei einem Willkommensempfang von einer Kollegin auf die emanzipatorische Wirkung der Jane-Austen-Romane angesprochen wird, platzt dem inzwischen ziemlich angetrunkenen Neuling der Kragen: “Die Emanzipation geht mir auf den Sack!”, blafft er sie an und provoziert damit einen Skandal im Kollegium, zumal er sich mit seiner schlechten Laune auch im Folgenden nicht zurückhält.

Ich musste laut lachen und erntete dafür einen bösen Blick meiner Frau. Irgendwie konnte ich den Protagonisten gut verstehen, mich in seine Lage hineinversetzen. Er arbeitet in einer Branche, in der ihm von jungen Produzentinnen vorgeschrieben wird, was er wie zu schreiben habe. Ihm von eben jenen Austraggeberinnen nahe gelegt wird, über wen und welche Themen er erzählen solle, um wieder Erfolg zu haben: Nämlich über Supergirls und Super-Power-Actionfrauen. Weiter lesen

Billige Klamotten

von Dirk Ryssel

Ich gehe in einen Klamotten-Discounter am Alex. Die reine Neugierde hat mich gepackt, weil ich ständig junge Menschen in diesen Shop stürmen sehe. Ich lasse mich von ungefähr drei Dutzend 19-Jährigen auf die Rolltreppe schieben und erhasche so einen Blick über die Auslagen. Ich bin erstaunt: Im Erdgeschoss gibt es Hosen für 10 Euro, Schuhe für 23 Euro und Sweatshirts für sage und schreibe 2,50 Euro. Toll, denke ich, für gut 35 Euro neu eingekleidet!

Oben angekommen nehme ich sogleich wieder die Rolltreppe nach unten: Tatsächlich finde ich ein Paar fetzige Schuhe mit weißer Sohle für 18 Euro. Ich probiere sie an. Sie passen. Beim Bezahlen an der Kasse frage ich, ob ich sie gleich anziehen darf. Ohne eine Miene zu verziehen, entfernt die Kassiererin die Preisschilder und überreicht mir die Schuhe. Weiter nach Klamotten zu schauen, scheint mir ob des Gewusels von ca. 10.000 Kunden und des damit einhergehenden Lärmpegels unmöglich. Allein der Gang zur Rolltreppe abwärts, die natürlich auf der gegenüberliegenden Seite ist, gleicht einem Überlebenskampf. Hoffentlich gibt es hier niemals einen Brand, denke ich. Menschen im Kaufrausch. Weiter lesen