Prioritäten

von Dirk Ryssel

Nach einem Streit mit einem näheren Verwandten stellte ich kürzlich fest, dass ich offenbar so etwas wie eine innere Prioritätenliste habe, die sich sowohl auf die emotionale, die monetäre als auch auf die informelle und letztlich auf die Zeitmanagement-Ebene bezieht. So steht spätestens seit unserer Hochzeit (und auch schon lange davor) meine Frau an erster Stelle der Reihenfolge, nach der Geburt unseres Sohnes ist dieser auf manchen Ebenen vor, auf manchen knapp hinter ihr. Was so viel bedeutet, dass ich ihn nicht unnötig in alle meine Probleme, Sorgen und Geheimnisse involviere, er aber natürlich mindestens ebenso viel Liebe als auch Zeit von mir bekommen soll wie meine Frau. Was wiederum heißt, dass ich für alle Freunde, Verwandten und Bekannten von allem weniger zur Verfügung habe. Ich bin ja nicht Gott, dass ich ein unbegrenztes Reservoir an Liebe und Zeit hätte – der Tag hat nun mal nur 24 Stunden, die Woche nur sieben Tage.

Immer wieder ecke ich damit bei anderen, die meine Situation nicht nachempfinden können oder wollen, an. Sie verstehen meine Kalkulation nicht: Dass alles, was ich für sie abzweige, meiner Familie verloren geht. Dass ich ohnehin nur wenig Zeit und Geld für Familienunternehmungen habe. Und dass ich das, was ich von beidem übrig habe, lieber meiner Frau und meinem Sohn gebe. Dabei wäre gar nichts einzuwenden, wenn sich jene Bedürfnisse kombinieren ließen, aber nein, man hat Exklusivansprüche, weil ein Treffen mit meiner Familie offenbar zu uncool, sprich, zu selbstreflexiv wäre. Weiter lesen

Impfneid

von Dirk Ryssel

Es regnet. Ich tänzle durch die Straße, springe in die Luft und schlage dabei die Hacken zusammen. Ich steppe den Bordstein herauf und herunter. Ich umfasse einen Laternenpfahl, klettere zur Hälfte nach oben und drehe mich im Kreis. Ich springe in eine Pfütze und erfreue mich des Wassers, das hochspritzt. Plötzlich steht ein Kontaktbereichsbeamter vor mir. Ich strahle ihn an und verkünde stolz: “Ich bin geimpft!”. Er schnauzt mich an: “Aufstehen! Es ist bereits kurz nach acht!”

Meine Frau stratzt auf den klackernden Gummisohlen ihrer Hausschuhe durchs Schlafzimmer und reißt die Vorhänge und kurz danach das Fenster auf. Es wird schlagartig kalt. Das Einzige, was aus meinem Traum übrig geblieben ist, ist der Regen, dessen Pladdern auf dem Fensterbrett ich als meinen Stepptanz verarbeitet habe. Ich sehe mich im Zimmer um und entdecke an meiner Wand ein altes gerahmtes Standfoto aus “Singin’ in the Rain”. Allmählich desillusionieren sich die einzelnen Versatzstücke meines Wunschtraums.

Es ist Anfang Mai, und ich bin noch nicht geimpft. Nicht einmal einen Termin oder einen Startplatz auf irgendeiner Warteliste konnte ich erlangen. Ich bin Asthmatiker. Laut Impfpriorisierung der KV Berlin hätte ich bis zum 12. April 2021 eine Einladung zur Impfung erhalten müssen. Natürlich habe ich bis heute noch nichts Ähnliches bekommen. Ein Anruf bei der Hotline der Berliner Senatsverwaltung erläuterte mir, dass im Gegensatz zu der Zusage der KV Berlin die Prioritätengruppe 4 noch gar nicht an der Reihe sei. Weiter lesen

Vater und Sohn

von Dirk Ryssel

Im Roman “Ein unmögliches Leben” von Andrew Sean Greer stellt eine der Nebenfiguren seiner spießigen Nachbarin folgende provokante Frage: “Als Sie noch ein kleines Mädchen waren, Madam”, (…) er zeigte auf sie, “war das die Frau, die zu werden Sie sich immer erträumt haben?”

Ich bin mir nicht sicher, ob sich mein Vater jemals diese Frage gestellt hat. Wenn, dann nicht bewusst. Tatsache ist aber, er scheint bei anderen Menschen einen völlig anderen Eindruck hinterlassen zu haben als bei uns in der Familie. Mein Patenonkel, mit dem ich nach vierzig Jahren endlich wieder Kontakt habe, schrieb mir kürzlich, mein Vater sei der beste Trainer gewesen, den er je hatte. Sogar ein bisschen sein Psychologe und Freund. Wow, dachte ich: Offenbar kannten wir nur Mr. Hyde, während mein Patenonkel Dr. Jekyll kennenlernen durfte. Wenn mein Vater etwas garantiert nicht war, dann mein Psychologe. Und schon gar nicht mein Freund. Ich kann mich wirklich nicht an einen einzigen Rat erinnern, den er mir gegeben hat. Diese Rolle übernahm (und übernimmt bis heute) mein Bruder. Ob freiwillig oder der Situation geschuldet, kann ich nicht beurteilen.

Als ich kürzlich ein aktuelles Foto zugeschickt bekam, das meinen Vater im Altenheim mit meinen zwei Brüdern zeigte, war ich spontan überrascht. Ich dachte mir: Ist schon seltsam, wie ein Mensch im Alter seinen Schrecken verliert. Was ich sah, war nur noch ein alter Mann, und mir wurde plötzlich bewusst, dass ich Zeit meines Lebens immer Angst vor ihm hatte. Vor den harten Gesichtszügen, dem schmalen Mund und seinen kalten, stahlblauen Augen. Obwohl er mich, jedenfalls kann ich mich nicht erinnern, nie geschlagen hat. Mich nicht, meine Brüder schon. Bei mir reichte das Abziehen seines Gürtels von der Hose, ein Anschnauzen, ja eigentlich schon sein böser Blick, um mich einzuschüchtern. Ich hatte genügend bei meinen Brüdern gesehen, um mir seine Kraft und Wut vorstellen zu können. Weiter lesen

Silvester

von Dirk Ryssel

Wenn es ein Fest gibt, das man meines Erachtens sofort abschaffen könnte, dann ist es Silvester! Ich meine, mal ganz ehrlich, wer denkt am Jahreswechsel schon an den heiligen Papst Silvester I., dessen Todestag am 31.12.335 wir das zwanghafte Abfeiern des Saisonendes zu verdanken haben? Vermutlich niemand außer dem noch lebenden Papst. Ansonsten dient der letzte Tag im Jahr doch nur als Blankoschein für haltlose Besäufnisse, die sogar den Vatertag wie eine Abstinenzkur dastehen lassen. Und diesem alkoholischen Übereifer sei Dank, dass die Ambulanzen der Krankenhäuser an jedem 31.12. Hochbetrieb feiern wie nach einem Fliegerangriff zu Kriegszeiten. Wobei die Abduktionen von Hand- und Gesichtsteilen in den meisten Fällen durch Autoaggression statt durch Fremdeinwirkung vollzogen werden.

In glimpflichen Fällen werden neuneinhalb Monate später die Kreissäle gestürmt, weil der Alkohol zwar das lendische Kribbeln erhöht, aber die Kontrolle beim “ich pass’ doch auf, Schätzchen” hemmt. Vielleicht liegt darin ja der eigentliche christliche Urgedanke dieser alljährlichen Feiertradition – schließlich mehren sich der Statistik zufolge gerade die verklemmten Bildungsbürger zu wenig. Und ab einem gewissen Alter muss man sich den Schlafzimmermitbewohner wohl allmählich schön trinken. Aber wer braucht jenseits des bereits erfüllten irdischen Auftrags zur Reproduktion der eigenen Gene sowie jenseits der Menopause noch einen vordiktierten Anlass zum Partymachen? Silvester ist doch wenn überhaupt nur für das Jungvolk eine offizielle elterliche Erlaubnis zum kollektiven Besäufnis. Während bei unsereins die einst vermeintlich athletischen Extremitäten auch ohne Alkohol nicht mehr so funktionieren wie im fruchtbaren Lebensstadium. Weiter lesen

Durchgendern

von Dirk Ryssel

In den  1990er Jahren, als ich noch studierte, ging es damit los: Das Anhängen eines “Innen” an jede in der Mehrzahl genannte Gattung, das die maskulistisch geprägte Grammatik aufdecken und die biologische Diversität hervorheben sollte. Wir hatten damals einen Professor, der sich spürbar bemühte, diesen neuen Kodex einzuhalten, indem er entweder vor jedem “Innen” seinen Mund so weit spreizte, dass man die Brücken des achten Zahns auch in der letzten Reihe des Seminarraums noch sehen konnte. Oder aber, sollte er die neudeutsche Endung mal vergessen haben, schnell ein “geschlechtsunspezifisch” hinter jedes generische Maskulinum einfügte. Seine vermeintlich politische Korrektheit hinderte ihn jedoch nicht daran, geschlechtsunspezifisch immer wieder Studenten vor dem gesamten Plenum herunterzuputzen, wenn er mit ihren Ausführungen nicht zufrieden war.

Seltsamerweise war das Gender-Mainstreaming fast zwanzig Jahre aus der Mode gekommen, aber mir scheint, seit der #MeToo-Debatte hat es neuen Aufwind bekommen. Neuerdings halten die Moderatorinnen und Moderatoren bei meinem Lieblingssender Radioeins vom RBB nach jedem grammatikalisch maskulinen Wort eine rhetorische Pause von einer Achtelsekunde ein, um anschließend mit einem “Innen” das feminine Genus hinzuzufügen. Als Lektor bluten mir nicht nur wegen der grammatikalisch falschen Wortbildung die Ohren, auch jeder klassische Rhetoriker wird sich vermutlich wegen dieser künstlichen Synkope seine Fingernägel zerkauen. So wurde bezüglich der Corona-Maßnahmen kürzlich von einem Treffen der Regierungschef(Achtel-Pause!)Innen” gesprochen, damit uns auch bewusst ist, dass in dieser Führungsriege nicht nur Männer das Sagen haben, sondern mit Manuela Schwesig und Malu Dreyer auch zwei Frauen in der Testosteron-Liga vertreten sind. Weil es für den Nachrichtenwert, in dem es um die beschlossenen Maßnahmen zur Covid19-Bekämpfung ging, von so entscheidender Relevanz ist, ob die Entscheider ihr Gehänge oben- oder untenherum haben. Ehrlich gesagt, ich habe vorher überhaupt keinen Gedanken darüber verschwendet, ob dort Männer, Frauen oder Außerirdische in der Exekutive sitzen: Mich interessierte einzig und allein ihre Politik und ihr Schaffen. Das Problem war vielmehr, dass ich erst durch die Genus-Separation in meiner Aufmerksamkeit unterbrochen wurde, weil ich darüber nachdachte, wer von den Ministerpräsident(Achtel-Pause!)Innen eine Frau ist. Weiter lesen

Wohlstandskinder

von Dirk Ryssel

Wenn ich nachts in das Zimmer meines Sohnes schleiche, um seine Musikanlage auszuschalten und dabei mindestens zweimal auf eine scharfkantige Lego- oder eine spitze Superzings-Figur trete, möchte ich zwar lieber schreien als darüber zu philosophieren, ob unsere heutigen Wohlstandskinder nicht von allem ein bisschen zu viel haben. Aber eigentlich kann ich ihm gar keinen Vorwurf machen, denn wie er mich zu Recht darauf hinweist, sind alle seine Schränke bereits voll. Aber ihn zum Ausmisten zu bitten, ist ungefähr so erfolgsversprechend wie bei einem Messie: Am Ende kommen von 10 Kubikmetern Spielsachen vielleicht zwei kleine Ü-Ei-Figuren zum Vorschein, die weggeworfen oder großzügig verschenkt werden dürfen. Um wenig später zu jammern, dass ich ihn gezwungen hätte, seine beiden Lieblingsspielzeuge wegzugeben…

Ich habe es mit allen Argumenten und pädagogischen Maßnahmen versucht, meinen Sohn von seiner Überfluss-Konsumhaltung abzubringen. Vergebens! Manchmal schwinge ich sogar die Greta-Thunberg-Keule, aber auch das bleibt ohne Erfolg, obwohl wir gemeinsam für schärfere Klimagesetze und Umweltschutz demonstriert haben. Und wenn ich ihm von meinen vergleichsweise wenigen Spielzeugen in meiner Kindheit erzähle, unterbricht er mich mit den Worten: “Oh nein, nicht schon wieder eine Geschichte aus dem Mittelalter!” Vergleichbares habe ich früher zu meinen Eltern gesagt, wenn sie mir von ihrer Kindheit erzählten: “14-18-Storys” nannte ich ihre Erlebnisse – obgleich sie vom 2. Weltkrieg handelten. Weiter lesen

Jammern auf hohem Niveau

von Dirk Ryssel

Ich kann es ehrlich gesagt nicht mehr hören… oder lesen… dieses ewige Gejammer! Wie schlimm doch die Corona-Krise sei. Wie sehr sie uns in unserem Leben beeinträchtigt und einschränkt! Wie sehr wir unter den Reglements leiden… Jetzt demonstrieren sogar Hunderte von Deppen und fordern die Abschaffung der “Maskenpflicht”, weil sie das in ihrer Freiheit einschränke.  BULLSHIT! Was sind wir doch alles für Memmen, Weicheier und Heuchler!

Ja, Corona ist schlimm! Eine lebensgefährliche Krankheit, die vor allem für Menschen mit Vorerkrankungen heftig und bedrohlich verlaufen kann. Ja, es sind bereits viele Menschen daran gestorben, und es werden daran noch viele Menschen sterben. Ich will das gar nicht kleinreden, und ich wünsche wirklich niemandem, dass er an Covid-19 erkrankt. Aber im Unterschied zum Rest der Welt geht es uns Deutschen blendend! Selbst im europäischen Vergleich stehen wir bestens da: Wir hatten keine wirklichen Ausgangssperren wie in Italien oder Frankreich, wo man für jedes Verlassen der Wohnung ein Zertifikat ausdrucken und ausfüllen musste, um zu belegen, zu welchem Zweck man wohin wollte. Hatte man so einen Schrieb nicht dabei und wurde erwischt, was angesichts der hohen Polizeipräsenz in beiden Ländern sehr wahrscheinlich war, hagelte es deftige Strafen. Weiter lesen

Abstand

von Dirk Ryssel

Was ist eigentlich so schwer daran, Abstand zu seinen Mitmenschen einzuhalten? Leben wir in Sardinenbüchsen und haben keine Ausweichmöglichkeiten? Müssen wir mit 100.000 anderen den letzten Zug in Kalkutta bekommen oder mit ebenso vielen um einen Liter Wasser für unsere Familie anstehen? Herrscht hier Versorgungsnot und müssen wir bereits hungern? Nein, no,  njet – nichts von alldem. Das einzige Problem, dass wir gesunde Männer momentan haben, ist die Nähe. Aber das haben wir ja angeblich schon immer.

Ich weiß, die Straßen sind trotz der Ausgangsbeschränkungen voll und die Supermarktgänge eng. Aber rasen wir in einer schmalen Straße auf ein entgegenkommendes Auto zu, wenn wir wissen, wir kommen nicht ohne hässliche Kratzer und Beulen an ihm vorbei? Offenbar ist uns unser Auto immer noch wichtiger als unsere Gesundheit. Denn auch zu Fuß insb. in den Schluchten der Einkaufshalle gibt es genügend Gründe, aufmerksam zu sein, und wenn es mal eng wird, anderen den Vortritt zu lassen. Man nennt das nonverbale Kommunikation, glaube ich. Im Autorverkehr ist sie unerlässlich, um unfallfrei ans Ziel zu kommen. Sie ist zudem komplett virenfrei – man muss sein Gegenüber nur wahrnehmen. Weiter lesen

Hoffnung

von Dirk Ryssel

Wenn wir in ein paar Jahren über die Corona-Krise resümieren, werden wir uns daran erinnern, dass sich die Italiener während der Ausgangssperre gegenseitig vom Fenster aus Musik vorspielten, um das Bedürfnis ihrer ebenso eingesperrten Nachbarn nach ein bisschen Kultur und Unterhaltung zu befriedigen. Und dass in den Amour- bzw. Amore-Ländern Frankreich und Italien das Home-Office offenbar nicht langweilig wurde, schoss doch zu dieser Zeit der Online-Absatz von Sextoys signifikant in die Höhe. Vermutlich auch, dass der französische Luxuskonzern LVMH, der gewöhnlich Parfums für Louis Vuitton, Givenchy oder Dior produziert, seine Produktion komplett auf Desinfektionsmittel umstellte, um diese kostenfrei Kliniken und Krankenhäusern zu spenden. Ganz sicher, dass sich die Spanier jeden Abend auf den Balkon stellten und applaudierten, um somit dem unvergleichlichen Einsatz des Klinikpersonals, also jenen Ärzten, Krankenschwestern und -pflegern zu danken, die sich für sie und ihre geliebten Mitmenschen Tag und Nacht einsetzten. Man wird sich an Länder wie Nordirland und Norwegen entsinnen, die als erste besondere Öffnungszeiten in den Supermärkten für ihre älteren Mitmenschen eingerichtet haben, um diese besonders gefährdete Zielgruppe vor dem großen Ansturm zu schützen. Und man wird sich ins Gedächtnis rufen, dass der Staatschef sowie sämtliche Minister und Abgeordnete auf ein Monatsgehalt verzichteten – zugunsten der sogenannten Helden der Corona-Front: Krankenschwestern, Putzkräften, Taxifahrern. Nicht in Deutschland, nein, in Singapur. Weiter lesen

Angst

von Dirk Ryssel

Als die Discounter-Kette Aldi überraschend ankündigt, am nächsten Tag Desinfektionsmittel im Sortiment zu haben, sind die Parkplätze überfüllt und die Menschen stehen wieder Schlange wie in den 1990er Jahren, als die ersten Medion-Computer angeboten wurden. Ähnlich wie damals sind die Artikel binnen weniger Minuten ausverkauft, nachdem es zuvor zu Rangeleien und mehr oder weniger handgreiflichen Auseinandersetzungen kommt.

Dieses Ereignis wirft mehrere Fragen auf: Handelte es sich bei den Kunden um Ärzte und Klinikpersonal, denen zuvor die Desinfektionsmittel gestohlen wurden, oder wollen die Kunden damit ihre frisch geputzten Fahrzeuge sterilisieren, um sich hinterher bei Tempo 180 Km/h auf der Autobahn totzufahren? Ein kleiner statistischer Einwurf dazu: 2019 hatten wir in Deutschland mehr als 3.000 Verkehrstote. Das sind zwar gut 200 weniger als 2018, aber hat deshalb jemand auf sein Auto verzichtet oder vor dem Auto im Entferntesten eine solche Angst gehabt wie derzeit vor dem Corona-Virus?

Die zweite Frage, die sich mir aufdrängt, betrifft den Anbieter selbst: Woher hat Aldi plötzlich diese Paletten an Desinfektionsmittel her, wenn selbst Arztpraxen und Krankenhäuser kaum Nachschub bekommen? Hatten sie die Artikel etwa im Keller bebunkert und nur auf den richtigen Zeitpunkt gewartet, diese anzubieten? Oder haben sie eine neue Quelle entdeckt, und wenn ja, warum bieten sie diese nicht zuerst den staatlichen Stellen an, die sie am dringendsten brauchen? Weiter lesen

Negatives

von Dirk Ryssel

Seit einiger Zeit wird mir nachgesagt, meine Kolumnen seien so negativ. Das verstehe ich nicht. Wie könnte mir in meiner 14-Zimmer-Villa je etwas Negatives einfallen? Wenn ich aus dem Fenster sehe, erfreue ich mich an den pittoresken Fliederblütenblättern, die meine Kieseinfahrt schmücken, an deren Ende mein alter Aston Martin DB5 neben meinem Volvo P1800 glänzt. Selbst an meinem Gärtner, der gerade meine Buchsbaum-Skulpturen begradigt, habe ich nichts auszusetzen. Und das  konstant milde Wetter in Berlin mit seinen stets wärmenden Sonnenstrahlen macht die Mitmenschen höflich und freundlich: Autos nehmen Rücksicht auf Radler, zumal unser Senat ja auch auf allen Straßen zwei Meter breite Radwege errichtet hat. Parken in zweiter Reihe oder auf dem Bürgersteig – in anderen Städten vielleicht, aber hier? Hier koten die Hunde auch nur auf die für sie vorgesehenen Toiletten und putzen sich anschließend selbstständig mit der Hinterpfote den Allerwertesten ab. Was gäbe es darüber wohl zu lästern?

Nein, Berlin ist die globale Vorzeig-Metropole der Harmonie und Entspanntheit: Autofahrer überlassen anderen mit Freude den Parkplatz und werden auch dann nicht ungeduldig, wenn ein 93-jähriger Senior zum siebzehnten Mal wieder aus der Parklücke herausfährt, um einen neuen Versuch zu starten. Erst gestern habe ich es erlebt, dass sich gleich vier freundliche Fahrer anboten, das Kfz eines Silver-Agers einzuparken, aber sogleich Einsehen hatten, dass er es selbst schaffen wollte. Berlin ist eben die Stadt der gelebten Empathie: Alte und Junge, Arme und Reiche, Kranke und Gesunde – alle haben ein Ohr füreinander und greifen sich unter die Arme. Jeder hat ein bisschen Zeit für den anderen – Eile und Stress, so etwas kennen wir hier nicht. Weiter lesen

Älter werdende Männer

von Dirk Ryssel

Mit dem Älterwerden ist das bei Männern so eine Sache. Obgleich uns die Haare ausfallen oder grau werden, mancher Mann  einen Wohlstandsbauch bekommt und der vormals kernige Apfelpo der Gravitation mehr gehorcht als dem schweißtreibenden Bodyshaping im Fitness-Center, im spiegelfreien Alltag bleiben wir immer um die 35 Jahre alt. Wie gesagt, nicht äußerlich, sondern nur in unserem Bewusstsein. Denn selbst, wenn die allseits gepriesene Manneskraft kongruent zu den Bindegewebsfaszien ihren Zenit überschritten hat, meinen wir immer noch beim gebärfähigen und Geschlecht landen zu können. Nicht nur spätpubertierende Hollywood-Stars oder Politiker wie Gerhard Schröder und Franz Müntefering meinen das, nein, der Begattungstrieb der Skrotumträger scheint sich naturgegeben immer auf das fruchtbarste Objekt der Begierde zu richten. Das glauben Sie nicht? Dann lesen Sie weiter.

Ein sehr guter Freund von mir ist neuerdings wieder Single. Das heißt, kein echter Single, denn für den Rest seines Lebens ist er zudem Familienvater. Um eine neue Frau kennen zu lernen, hat er sich, wie das heute üblich ist, in einem der Dating-Portale angemeldet. Dort änderte er nicht nur seinen Namen, was wohl recht normal ist, sondern frisierte auch ein bisschen an seinem Alter, was vermutlich ebenso gängig sein wird. Nur nicht wie vielleicht die meisten seiner Mitbewerber ein bis zwei Jahre, nein, er hat gleich eine Verjüngungskur von 11 Jahren vorgenommen, also statt als 50 Jahre alt hat er sich als 39 Jahre jung präsentiert. Weiter lesen

Renovieren

von Dirk Ryssel

Als ich mich heute Morgen ein wenig vorbeugte, um nach der Zahnpasta zu greifen, bohrte sich ein römischer Pilum in meinen Lendenwirbel. Eine schmerzverzerrte Fratze starrte mich in diesem Moment im Spiegel an. WAS WAR DAS?

Ich habe niemals Rücken! Alle meine Freunde und meine Brüder klagen darüber, aber ich habe nie Schmerzen im Lendenwirbel. Dafür trainiere ich regelmäßig auf dem Sportplatz an der Reckstange. Mein Freund aus Hannover nennt das Schindluder mit dem Körper treiben. Ich bin eigentlich ganz stolz auf die Stabilität meines Rückens. Oder war es bis jetzt. Natürlich kann ich nicht mit solchen Kerlen mithalten, wie dem sympathischen Sportler, der auch bei 7 Grad noch mit freiem Oberkörper trainiert. Er hat allen Grund der Welt seinen Luxus-Body zu präsentieren: Er wäre ein geeignetes Modell für die Ausstellung “Körperwelten”. Hoffentlich trifft er niemals auf Gunther von Hagen, sonst wird er bald plastiniert, und ich könnte seinen einarmigen Klimmzügen nicht mehr fassungslos beiwohnen. Nein, so fit bin ich nicht und war ich auch nie. Schon gar nicht mit 30 wie der Kollege. Aber was nützt das ganze Training, wenn man dann doch bei ungewohnten Bewegungen versagt. Weiter lesen

Staubsaugmanie

von Dirk Ryssel

Einer meiner besten Freunde hat sich einen Leifheit Regulus Teppichkehrer gekauft. Sie wissen schon, diese manuellen Dinger, die meist unsere Omas hatten und mit denen sie vergeblich die Krümel nach dem Frühstück wegrollen wollten. Ich wusste gar nicht, dass es diese nutzlosen Geräte noch gibt und fragte ihn, ob er dafür auf dem Flohmarkt gewesen sei. Er erklärte mir, dass er eine absolute Staubsaugmanie habe: Wenn er erst einmal den Sauger aus der Kammer hole, wäre er die nächsten anderthalb Stunden damit beschäftigt, weil er dann nicht mehr aufhören könne. Deshalb laufe er täglich mit Besen, Kehrblech und eben jenem Leifheit Regulus durch die Wohnung und sammle Krümel und Haare auf. Mit der gesparten Zeit putze er mehrmals wöchentlich die Toilette. Oder schreibe Drehbücher. Je nachdem.

Ich muss gestehen, ich habe ebenfalls einen Staubsaugfimmel. Im Ernst, ich könnte ständig staubsaugen. Meine Frau und mittlerweile auch mein Sohn verlieren mehr Haare als ein ganzes Wolfsrudel zusammen. Und jetzt wollen sie auch noch einen Hund anschaffen. Spätestens dann drehe ich durch: Ich habe schon zwei Staubsauger, nämlich einen Akku-Sauger für das tägliche Sichtsaugen und einen Powersauger fürs Wochenwerk. Die meisten Gäste, die uns besuchen, behaupten: “Bei euch sieht es doch immer so sauber aus – ist das denn wirklich nötig?” Doch sobald ich ihnen mit meiner an der Düse montierten Taschenlampe die schmutzige Realität zeige, werden sie ganz still. Sieht man sich diesen Dreck und Unrat, auf den man täglich tritt, genauer an, wundert’s einen nicht, dass bei offiziellen Hygienetests heimische Küchen schlechter abschneiden als Bahnhofstoiletten. Weiter lesen

Altkluge Kinder

von Dirk Ryssel

Mein 11 ½ -jähriger Sohn ist ein wirklich kluger Junge, der mich immer wieder mit seinem Wissen und seinen Fähigkeiten beeindruckt: Er kann mir auf der Stelle alle wichtigen Götter und Halbgötter und solche, die es werden wollen, aus der griechischen und deren Pendants aus der römischen Mythologie aufzählen. Mit ihren Fähigkeiten, Relationen zueinander und auf welche Art sie zu Tode kamen oder, da Götter ja nicht sterben können, wie sie von irgendeinem Übergott auf ewig gefoltert wurden. Wenn es aber darum geht, seine Schuhe zuzubinden, ist das für ihn eine Herausforderung wie für einen Fünfjährigen.

Dass er damit keine Ausnahme ist, bemerke ich jedes Mal, wenn einer seiner Nerd-Mitschüler aus seinem Schnelllerngang zu Besuch kommt: Alle haben auffälligerweise Schuhe mit Klettverschlüssen. Hätte ich das vor zehn Jahren geahnt, ich hätte alle meine nicht vorhandenen Reserven in Aktien von Firmen investiert, die Klettverschlüsse herstellen. Wer in den letzten Jahren mal die Kinderabteilung eines Schuhgeschäftes aufgesucht hat, wird festgestellt haben, dass es dort so gut wie keine Schuhe mehr mit Schnürsenkeln gibt: Nur noch Klett- oder sogenannte Gummi-Schnellverschlusssysteme ohne Schnüren. Der klassische Schnürschuh scheint obsolet zu sein. Weiter lesen